Als unser großes Kind in sein Austauschjahr fortging, wollten wir dieselbe Freundlichkeit gerne zurückgeben, die andere Familien dazu bewegt, Austauschschüler aufzunehmen. YFU hatte uns darüber informiert, dass das Gastkind nicht unbedingt ein eigenes Zimmer braucht und uns auch sonst auf einen "Austausch bei uns zu Hause" innerlich gut vorbereitet. Wir haben uns dann für ein Gastkind aus Japan entschieden, weil wir durch unsere Beschäftigung mit Japan und unsere Reise dorthin Einblicke in die japanische Kultur und mögliche Befindlichkeiten erlangt haben. Zusätzlich war hilfreich, dass wir über gute Englischkenntnisse verfügen, da das Gastkind bei Ankunft kein Wort Deutsch sprach. Insofern war es für uns als Familie spannend, unser Wissen zu erweitern, aber vor allem der Gedanke leitend, gut stützend für ein Austauschkind aus Japan sein zu können.
Ein toller Start in Berlin
Wir haben unsere japanische Gastschülerin Sara zunächst in Berlin begrüßt, weil ich am selben Tag meine Tochter dort aufsammeln musste. Wir blieben dann direkt zwei Tage in Berlin, was für uns drei wundervoll war, aber vor allem für unser Gastkind einen super Einstieg darstellte. Besonders schön für Sara, die schon 17 Jahre alt war und damit genauso alt wie unser großes Kind (das ein paar Tage später ins Austauschjahr abreiste), war, dass sie mit ihren 17 Jahren gleich auch auf eine Party gehen konnte – die erste in ihrem Leben. Die nächsten zehn Monate vergingen dann wie im Flug und unser Abschied am Ende war tränenreich, vor allem für Sara, die nicht zurück wollte. Sie sagte, sie hätte während der zehn Monate in Deutschland mehr Umarmungen erlebt als in ihrem ganzen Leben in Japan. Einen Tag vor ihrem Abschied kehrte unser Kind dann auch aus seinem Austauschjahr zurück und die Oma unserer Kinder war zu Besuch, so dass wir alle zusammen eine schöne Feier in großer Runde hatten.
Mit Geduld zu mehr Selbstständigkeit
Natürlich gab es während des Austauschjahres auch Herausforderungen. Zunächst waren es die praktischen Fragen, die uns in Atem hielten. Das beschäftigte uns mehrere Wochen. Unsere Austauschschülerin war 17 Jahre alt, wurde dann auch 18, aber in Japan ist man durch den Fokus auf das schulische Lernen in diesem Alter noch sehr unselbständig. Man wird in Japan ja auch erst mit 20 Jahren volljährig. Deshalb lag unser Fokus darauf, unsere Austauschschülerin in einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen, sie also die praktischen Aufgaben vor allem selbst erledigen zu lassen, soweit das möglich war. Das war für uns natürlich zunächst zeitaufwendig, aber lohnend für sie, weil sie im weiteren Verlauf immer selbständiger wurde und wichtige Erkenntnisse gewann. Und unser Einsatz wurde immer geringer. Dann war die Sprache eine Herausforderung: Unser Gastkind dazu zu bewegen, deutsch zu sprechen, war gar nicht so einfach. Sie erhielt Deutschunterricht, war aber zunächst zu schüchtern, das Gelernte anzuwenden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sprachen wir dann nur Deutsch mit ihr, was aber zu Problemen führte, so dass wir schließlich dazu übergingen, entscheidende Informationen zusätzlich auf Englisch zu wiederholen.
Erinnerungen, die bleiben
Wir erinnern uns am liebsten an die vielen schönen Momente: Wir haben unsere Austauschschülerin zum Beispiel auf unsere Reisen in Europa mitgenommen. Dabei gab es immer wieder lustige Momente. Der Abend, an dem unser jüngeres Kind mit unserem Gastkind Sushi zubereitet hat, war ebenfalls besonders. Es war auch schön zu sehen, wie glücklich Sara über ihre beiden Feiern war: ihre Feier zu ihrem 18. Geburtstag und ihre Abschiedsparty bei uns zu Hause. Dass sie das selbst organisieren konnte. Um das mal greifbar zu machen: Über mehrere Wochen haben wir ihre Abschiedsparty in allen Details geplant, weil dies ja vollkommen neu für sie war – und dabei war für sie die größte Erkenntnis, dass die Gastgeber nicht alles allein vorbereiten müssen, sondern Freunde mithelfen.
Weiterhin bleiben uns die vielen Abende in wertvoller Erinnerung, an denen wir mit ihr über die deutschen und europäischen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten, auch im Unterschied zu Japan, sprachen. Ihr Interesse und ihre Kenntnisse waren erstaunlich. Und dann waren da noch die Momente, in denen sie einen besonders hellen Sonnenschein auf ihrem Gesicht trug: Beispielsweise beim ersten Schnee, den sie sah und fühlte, beim Schlittschuhfahren, beim Besuch der Sagrada Familia und anderen Kathedralen, nach der Zauberflöte in der Oper Dresden oder nach der Harry Potter-Tour in den Warner Brothers Studios, usw. Aber es sind auch viele kleine Momente: Das gemeinsame Zusammensetzen eines Puzzles spät am Abend nach einer Familienfeier von unserer Gastschülerin mit unserem Kind. Die gemeinsamen Gespräche unseres jüngeren Kindes mit unserem Gastkind ohne uns Eltern über ihre Themen. Es gab Zeiten, in denen wir mit unserer Gastschülerin gefiebert haben und erleichtert waren, wenn das Geplante geklappt hat. Gemeinsame Filme, über die wir gesprochen haben und vieles mehr.
Dass persönlicher und kultureller Austausch zu den wichtigsten Aufgaben gehört, um Vorbehalte abzubauen, sahen wir durch dieses Jahr bestätigt. Nicht nur bei uns, sondern bei allen Beteiligten, denn unsere Austauschschülerin hatte ja Mitschüler, Lehrer, Trainer und Sportvereine und dabei Freunde gewonnen. Unser Fazit unseres Jahrs als internationale Familie ist daher ganz klar: Anstrengend, aber interessant und schön.
Zum Schluss: Unsere Tipps
Wir denken, dass man sich keinen Stress zu machen braucht. Für die ersten Tage sollte man der Liste von YFU folgen. Das Austauschkind braucht kein eigenes Zimmer, das wissen wir von unserem Kind aus seinem Austauschjahr und den "Austauschkollegen". Wenn man mit seinem Gastkind verreist, können Kosten vom Gastkind getragen werden. Ansonsten sollte man gleich zu Anfang dafür sorgen, dass das Gastkind in Vereine geht, um den Tag zu strukturieren und Möglichkeiten, Freunde zu gewinnen, zu erweitern. Geschenke zu Geburtstag und Weihnachten können Tickets für bestimmte Aktivitäten sein.