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Sprache kann zur Not auch mit Händen und Füßen vermittelt werden

Familie Anneken mit Ege und Bilgehatun aus der Türkei

Hallo! Wir heißen Maren und Frank, leben im Emsland, sind selbständig und haben zwei Kinder (17 und 24Jahre). Die Idee, einen Gastschüler bei uns in der Familie aufzunehmen, kam als der Abreisezeitpunkt unserer Tochter näher rückte, die ein YFU-Austauschjahr in Spanien vor sich hatte. Es wurde uns plötzlich klar, dass wir ab diesem Moment zwei leerstehende Zimmer in unserem Haushalt haben und eine unbekannte Ruhe einziehen würde.

Eine spontane Entscheidung

Als Spätzünder nahmen wir im August Kontakt mit der YFU-Geschäftsstelle auf. Ruckzuck hatten wir mit einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin ein Treffen vereinbart. Sie hat uns mit ihrer erfrischenden Art sowohl von kleinen Erlebnissen wie auch den eigenen Erfahrungen im Umgang mit Gastschülern erzählt und hat uns dadurch viele Ängste und Bedenken genommen, denn durch unsere Selbstständigkeit haben wir einen sehr strukturierten Alltag und wenig Freizeit. Durch gezielte Fragen wurde die Suche aktiv in Gang gesetzt. Wir hatten Interesse an einem Jugendlichen aus der Türkei und haben uns aus einem Pool von Bewerbern des YFU-Programmes für Ege entschieden. Es war eine spontane Entscheidung und nachdem wir mit Ege und seinen Eltern geskypt hatten, fieberten wir dem Tag der Ankunft entgegen.

Als Ege nach Meppen kam, sprach er fast kein Wort Deutsch. Nach einem dreiwöchigen Orientierungs- und Sprachkurs, den YFU in Osnabrück organisiert hatte, konnte er die ersten zaghaften Schritte in das Emsland starten.

Die erste Herausforderung

Die erste Herausforderung kam durch den Bekanntenkreis, die mit etwas Unverständnis reagierten, dass wir uns für einen Schüler aus der Türkei entschieden haben. Die politische Lage ist in dem Land zurzeit schwierig und ein wenig undurchsichtig. Allerdings haben sich diese Bedenken schnell gelegt und mit aktiver Mitarbeit von Ege sind die Begegnungen in Sympathie umgeschlagen. Nachdem die ersten Sprachschwierigkeiten überwunden waren, konnten viele Missverständnisse und die Skepsis abgelegt werden.

Es gab für uns keine Probleme, auch die Frage mit dem Umgang von Glauben, Essensvorlieben und den Tagesabläufen haben wir nach den anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten schnell in Griff bekommen. Sprache kann zur Not auch mit Händen und Füßen vermittelt werden und es gibt die schnelle Variante mit dem Google Übersetzer.

Ein ganz "normaler" Teenie

Es war eine gute Erfahrung festzustellen, dass Ege ein „normaler“ Teenie von 16 Jahren war, genauso wie unsere Kinder in diesem Alter waren, mit kleinen Ecken und Kanten.

Wir haben durch seine Erzählungen viel über Land und Leute erfahren und dazugelernt und sind der Kultur und den Menschen in der Türkei sehr nahe gekommen.

Wir konnten nicht drum herum und haben gemeinsam mit unserem Ege unsere Vorliebe, den Kölner Karneval zu feiern, gemeinsam verbracht. Wir hatten eine wundervolle Karnevalssession mit Verkleidungen, schönen Veranstaltungen und dem Singen von kölschen Liedern. Diese Lieder begleiten uns und es ist schön, dass er sie letztendlich textsicher mitsingen und auch vom Verständnis her ins Hochdeutsche übersetzen konnte.

Gegenseitige Akzeptanz und Respekt

Gegenseitige Akzeptanz und Respekt haben uns ein spannendes und glückliches Jahr geschenkt. Auch wir als Gasteltern wurden gefordert, viele Dinge zu zeigen und zu erklären. Wir haben besonders gern gemeinsame Ausflüge unternommen. Ege hat Freunde in der Schule und im Karateverein gefunden. Er konnte im Karateverein sogar zwei Gurtprüfungen mit Erfolg ablegen. Auf dem Gymnasium hat er die 10. Klasse besucht und konnte mit Stolz sein Abschlusszeugnis mit in die Türkei nehmen.

Das ist Völkerverständigung und wir können jeden dazu ermutigen, das Wagnis Schüleraustausch anzugehen. Es ist eine Bereicherung und wir sind persönlich sehr dankbar darüber, diese tolle Erfahrung gemacht zu haben!

 

Wenige Monate später: Das türkische Weihnachtswunder!

Eigentlich hatten wir geplant, dieses Jahr keinen Austauschschüler in unsere Familie aufzunehmen, denn private und berufliche Umstrukturierungen standen an. Auch unsere Tochter war wieder zu Hause, nachdem sie ein Schuljahr mit YFU in Spanien verbracht hatte. Doch dann kam eine Anfrage aus der YFU-Geschäftsstelle in Hamburg, ob wir über die Weihnachtstage als Notfallfamilie aufgrund eines Gastfamilienwechsels einspringen könnten. Nach kurzen Überlegungen entschieden wir zwei Tage vor Heiligabend Bilgehatun, 16 Jahre, aus der Türkei vom Bahnhof Meppen abzuholen und mit ihr das Fest der Liebe zu feiern.


Kurzerhand informierten wir die Großeltern in Wilhelmshaven, dass wir einen weiteren Gast über die Weihnachtstage mitbringen würden. Traditionell wird bei uns an Weihnachten Grünkohl aufgetischt, den Bilge am Anfang sehr kritisch beäugte, aber mittlerweile zu einem ihrer Leibgerichte zählt. Wir verbrachten wunderschöne Weihnachtstage an der Küste und stellten fest, dass wir es nicht über das Herz bringen könnten, Bilge in eine weitere Familie zu schicken.

 

Spontan räumten wir einiges um, sodass Bilge ihr Zimmer beziehen konnte. Glücklicherweise fand sie schnell Anschluss und sofort einen Platz in der Clique unserer Tochter. Durch ihre künstlerische Ader begeisterte sie ihren Kunstlehrer, der dafür sorgte, dass ihr Selbstbildnis am Ende des Schuljahres den Schulkalender für 2020 kürte. Ihre positive Grundeinstellung ist uns im Gedächtnis geblieben und wir schmunzeln noch oft über ihre quirlige Art.

 

Bilge ist für uns Eltern wie eine Tochter und für Gesa-Marie wie eine Schwester geworden und wir freuen uns, dass sich die beiden in diesen Herbstferien in Istanbul endlich wiedersehen. Durch eine spontane Entscheidung ist eine wundervolle Verbindung entstanden.

Gemeinsame Fahrradtour

Kölner Karneval

Gemeinsame Reise nach Köln

Wanderausflug mit Austauschschüler Ege aus der Türkei

Spaß beim gemeinsamen Ausflug ins Grüne

Spontan nahm Familie Anneken Bilge in ihre Familie auf