Vor 30 Jahren hat Janine mit YFU ein Austauschjahr in den USA verbracht. Heute arbeitet sie hauptamtlich für den Verein und ist YFU nach wie vor eng verbunden. Im Interview blickt sie zurück auf prägende Erlebnisse, erzählt von ihrer Gastfamilie in Iowa und davon, warum YFU für sie bis heute eine besondere Rolle spielt.
Liebe Janine, woran denkst du als Erstes, wenn du an dein Leben im Februar 1996 denkst?
Im Februar 1996 war ich Austauschschülerin in Ankeny, Iowa, und ich muss sofort an Schule und an Schnee denken: Das Erste, was ich morgens immer gemacht habe, war, noch im Bett Radio zu hören, um zu erfahren, welche Schulen „Snow Days“ hatten – also welche Schulen aufgrund des Schnees geschlossen waren. Wenn meine Schule in Ankeny dann leider nicht dabei war, hieß es aufstehen und fertig machen, um gemeinsam mit meiner Gastschwester zur Schule zu fahren. Sie war kurz vor meiner Ankunft in den USA 16 geworden und konnte uns deshalb ziemlich komfortabel mit dem Auto zur Schule bringen.
Warum hast du dich für ein Austauschjahr in den USA entschieden?
Meine Mutter hat immer gesagt, dass ich schon in der Grundschule ins Internat wollte: Der Wunsch, rauszukommen und Neues zu erleben, war also eigentlich immer da (lacht). Später in der Schule gab es dann eine Schülerin im Jahrgang über mir, die aus ihrem Austauschjahr zurückkam und davon berichtet hat. Ich war sofort interessiert, aber meine Eltern hatten finanzielle Bedenken. Als ich aber eines Tages ein Poster zum PPP (Parlamentarisches Patenschafts-Programm) an meiner Schule gesehen habe, war die Sache für mich klar: Ich habe mich beworben – damals noch mit elektrischer Schreibmaschine und sehr viel Zeiteinsatz – und konnte es kaum glauben, als es dann tatsächlich geklappt hat. Ich kann mich noch heute ganz genau an dieses Gefühl erinnern: Ich habe auf der Straße getanzt, weil die Energie und das Adrenalin einfach irgendwie rausmussten.
Wie hast du dann dein Austauschjahr erlebt?
Meine Gastfamilie lebte, wie gesagt, im ländlichen Iowa, wenn auch in einem wohlhabenden Vorort von der Hauptstadt Des Moines. Ich hatte zwei Gastschwestern, und das Familienleben war katholisch geprägt. Das kannte ich alles in ähnlicher Form von zu Hause – ich komme aus dem Vorharz, habe zwei Schwestern und bin katholisch aufgewachsen. Das hat mir das Einleben tatsächlich sehr leicht gemacht. Es war ein für mich guter Mix aus vertraut und neu. Ich hatte wirklich kaum Probleme, was, glaube ich, aber auch viel an meiner Gastmutter lag, die einfach ein großartiger Mensch war und ist.
Welche Rolle spielt deine Gastfamilie heute noch in deinem Leben?
Meine Gastfamilie ist weiterhin sehr präsent: Bei wichtigen Ereignissen ist meine Mom unter den ersten fünf Menschen, die ich informiere. Ich bin nicht besonders gut darin, stetigen Kontakt zu halten – ich versuche zu 100 Prozent da zu sein, wo ich gerade bin. Aber wenn wir uns sehen oder voneinander hören, ist es immer wieder schön. Letzten Sommer war ich dann pünktlich zu meinem 30-jährigen Austauschjubiläum mal wieder zu Besuch. Auf dem Hinflug in die USA habe ich eine Gruppe YFU-Austauschschüler*innen begleitet – auf den Tag genau an dem Tag, an dem ich 30 Jahre zuvor in den Flieger gestiegen bin.
Wie war das Wiedersehen?
Der Besuch war auch deshalb besonders für mich, weil meine Gastfamilie nach meinem Austauschjahr mehrmals umgezogen war und erst seit relativ kurzer Zeit wieder in Ankeny lebt. Ich selbst war daher vor rund 20 Jahren das letzte Mal dort. Ich glaube, auch deshalb haben wir das Wiedersehen alle doppelt genossen. Ich hatte vor meiner Abreise eine ziemlich lange Liste an Dingen, die ich unbedingt gern wieder sehen oder machen wollte – und meine Gastfamilie hat sich wirklich sehr ins Zeug gelegt, um mir all diese Wünsche zu erfüllen. Meine Gastschwestern waren dann beide auch noch mit ihren Kindern zu Besuch, und es war einfach ein rundherum schönes Wiedersehen.
Auch YFU bist du immer noch sehr verbunden: Wie bist du nach deinem Austauschjahr in Kontakt geblieben?
Meine Familie hat direkt im Anschluss an mein Austauschjahr eine Schülerin aus den USA aufgenommen, sodass ich schon früh erste Berührungspunkte mit der ehrenamtlichen Betreuungsarbeit in Deutschland hatte. Richtig aktiv bin ich dann aber erst während meines Studiums in Bonn geworden: Ich habe viele Mittelseminare geteamt und geleitet, zwischendurch auch mal OWOs (Orientierungswochen) und VBTs (Vorbereitungstreffen). Später war ich auch in der damaligen Regionalversammlung der Landesgruppe Rheinland aktiv. Als ich nach meinem Studium nach England gezogen bin, habe ich mein Ehrenamt erst einmal pausiert – aber ganz aus den Augen verloren habe ich YFU eigentlich nie.
Seit 2013 arbeitest du auch hauptamtlich für YFU und bist im Team Ehrenamt für Organisationsentwicklung zuständig. Wie kam es dazu – und was ist dir für deine Arbeit wichtig?
Als ich 2013 über Weihnachten zu Hause war, wurde händeringend eine Leitung für ein Mittelseminar gesucht, und ich bin spontan eingesprungen. Noch während des Seminars erhielt ich aus der Geschäftsstelle einen Anruf, ob ich nicht im Aufnahmeprogramm in der Betreuung aushelfen könnte. Da es mich zu der Zeit familiär bedingt wieder nach Deutschland zog, habe ich das einfach mal ausprobiert. Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht und Ende 2013 habe ich dann angefangen, hauptamtlich in der YFU-Geschäftsstelle zu arbeiten.
Seit Juli 2022 bin ich nun im Team Ehrenamt für die Organisationsentwicklung zuständig. Dabei gibt es mehrere Aspekte, die mir am Herzen liegen: Zum Beispiel begleite ich gemeinsam mit der AG Vielfalt den Weg von YFU hin zu einer stärker diversitätsorientierten Organisation. Auch die anstehende Strukturreform steht aktuell ganz oben auf meiner Liste. Am wichtigsten ist mir aber der Kontakt zu den Ehrenamtlichen: Einerseits, weil ich diese Kontakte immer sehr genieße, andererseits aber auch, weil ich unbedingt wissen möchte, welche Bedarfe auf Seiten der Ehrenamtlichen bestehen und wie wir sie im Team Ehrenamt am besten unterstützen können. Ich freue mich daher immer über Mails und Anrufe von Ehrenamtlichen und kann nur alle einladen, sich zu melden oder auch gern mal auf einen Kaffee bei uns in der YFU-Geschäftsstelle vorbeizukommen!
Eine letzte Frage, liebe Janine: Wenn du YFU in drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das?
Das erste Wort, das mir einfällt, ist menschlich. Ich bin diesem Verein auch deshalb seit 30 Jahren so eng verbunden, weil ich bei YFU unfassbar viele tolle Menschen getroffen habe – und noch immer treffe. Einer der Gründe, warum ich alle zwei Jahre immer noch mindestens ein Seminar leite oder teame, ist, dass ich den Kontakt zu den Schüler*innen, aber vor allem auch zu anderen Ehrenamtlichen unglaublich schätze. Die Stimmung auf YFU-Seminaren ist etwas ganz Besonderes, das man schwer in Worte fassen kann.
Als zweites Wort fällt mir Spielwiese ein: Dinge ausprobieren zu können und damit über das Austauschjahr hinaus Lernerfahrungen zu sammeln, ist etwas, das für mich YFU ganz wesentlich ausmacht – und was mich auch persönlich sehr geprägt hat.
Und drittens wähle ich anpassungsfähig: Wir sind als Verein in den letzten Jahren vielen Herausforderungen begegnet und haben es stellenweise in Rekordzeit geschafft, uns neuen Gegebenheiten anzupassen und trotzdem wertvolle Programme anzubieten. YFU ist für mich ein Verein, der bei aller Größe beweglich bleibt – die Strukturreform ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Diese Beweglichkeit brauchen wir, denn Zeiten ändern sich und die Bedingungen für Ehrenamt ändern sich mit. Um dem zu begegnen, müssen wir als Verein gut aufgestellt sein und uns stetig weiterentwickeln – und ich freue mich total, dass ich YFU auf diesem Weg ein Stück weit begleiten und diesen auch mitgestalten darf!