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Chinesische Schriftzeichen

Alltag im Unglaublichen

Erfahrungsbericht von Joel, Austauschjahr in China

China – das Land der Mitte und mein Heimatland für ein Jahr – ist einfach unbeschreiblich. Die ersten drei Monate in einem Land, das fast doppelt so vielen Einwohner wie Europa hat, lassen sich für mich wahnsinnig schwer in Worte fassen. Ich gerate immer noch ins Schwärmen, wenn ich über diese faszinierende Kultur und mein Leben hier rede. Ich wohne hier in der 15 Millionen-Metropole Shenzhen nahe Hongkong. Shenzhen gibt es erst seit circa 30 Jahren und hat sich für mich schnell zum Symbol für das unglaubliche Wachstum und die Größe Chinas entwickelt. Ich habe noch nie eine so lebendige Stadt gesehen – man spürt die Aufbruchsstimmung einfach überall.

Warum ich mich, vor inzwischen knapp eineinhalb Jahren, für China beworben habe? Versuche ich meinen „ungewöhnlichen“ Entschluss zu erklären, stelle ich schnell fest, dass es keine eindeutige Antwort gibt. Ich habe mich auf die Suche nach neuen Erfahrungen gemacht und bin fasziniert von der chinesischen Kultur. Ich wünsche mir, dass ich meinen Horizont erweitern kann und durch mein Auslandsjahr die Welt mit anderen Augen sehen kann. Außerdem wollte ich natürlich die chinesische Sprache lernen – eine Sprache, die mich immer mehr fasziniert. China ist ein Land, das in der Zukunft eine immer größere Rolle in Politik und Wirtschaft spielen wird. Durch das Auslandsjahr bietet sich mir die Chance, dieses rasant wachsende Land besser kennenzulernen. Ich bin absolut überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben: Ich bin hier sehr glücklich und jeden Tag froh, mich für China entschieden zu haben. Es fiel mir natürlich nicht leicht, das gewohnte Umfeld in Deutschland zurückzulassen, aber ich kann gar nicht beschreiben wie groß meine Freude war, als ich endlich in Shenzhen aus dem Flugzeug gestiegen bin. Mit Sicherheit ist ein Auslandsjahr nicht immer leicht sein und viele Herausforderungen werden im weiteren Verlauf des Jahres noch folgen – aber es ist und bleibt die größte Chance meines Lebens und ich werde nie wieder eine Kultur aus dieser einzigartigen  Perspektive kennenlernen können.

 

Kleine Zettel als Lernhilfe

Neben der Schule, die in China einen sehr großen Stellenwert hat, ist natürlich die Gastfamilie ein wichtiger Teil zu einem erfolgreichen und glücklichem Austauschjahr. Meine chinesische Familie besteht aus meiner Mutter, meinem Vater, meinem zweijähriger Bruder und meinem Opa. Meine Eltern sprechen zwar auch recht gutes Englisch, haben sich aber nach einem Monat nur noch auf Chinesisch mit mir unterhalten. Das war am Anfang zwar sehr schwer, aber ich hätte sonst niemals so viel lernen können. Es ist toll, wie viel Unterstützung ich beim Lernen von meiner Familie erhalte.

Als ich angekommen bin war die ganze Wohnung voller kleiner Zettel, die als Beschriftung für verschiedene Möbel dienten. So habe ich viele Wörter unbewusst gelernt. Außerdem lerne ich sehr viel, indem ich mit meinem Bruder spiele. Da er im Moment auch noch nicht so schnell sprechen kann, ist es die perfekte Möglichkeit für mich viel zu lernen. Außerdem macht es natürlich auch Spaß mit ihm zu spielen. Die ganze Familie hat sich von Anfang an sehr interessiert an mir und der deutschen Kultur gezeigt und ihr Bestes gegeben, um mir den Einstieg in China und dem neuen Zuhause leicht zu gestalten. Jeden Tag erfahre ich mehr über die chinesische Kultur, aus der Sicht meiner Familie, und erzähle ihnen etwas von Deutschland und der deutschen Kultur, die ich hier auch aus einer neuen Perspektive kennenlerne. Ich bin unglaublich dankbar, dass sich so eine tolle Familie bereit erklärt hat, mich aufzunehmen. Ich fühle mich schon nach drei Monaten als Teil der Familie und freue mich wahnsinnig auf die nächsten sieben Monate, in denen ich sie noch besser kennenlernen darf und ich bin überzeugt, dass die Zeit wunderschön wird. Ich versuche jeden Moment des Jahres aus vollen Zügen zu genießen.

 

So viel Neues

Die ersten Wochen in Shenzhen, waren unvergleichlich: Ich habe so wahnsinnig viel Neues gesehen, dass ich mich gar nicht mehr an alles erinnern kann. Alles ist so anders als in Deutschland, und ich merke inzwischen, dass ich die Dinge mit anderen Augen sehe und sie als selbstverständlich in meiner Heimat ansehe. Trotzdem entdecke ich jeden Tag neue und interessante. Dinge. Ein gutes Beispiel ist meiner Meinung nach die U-Bahn: Hier ist alles so viel größer und es gibt wahnsinnig viele Menschen. Die Züge kommen im Sieben-Minuten-Takt und sind trotzdem meistens gerammelt voll. Und trotzdem ist alles total sauber und durchorganisiert. Außerdem sind die Preise im Gegensatz zu Deutschland keinen Vergleich wert: Wenn ich eine halbe Stunde mit der U-Bahn fahre, bezahle ich umgerechnet höchstens 30 Cent, und das U-Bahn fahren hier ist sehr interessant, da man nirgendwo das pulsierende Leben dieser unglaublichen Metropole mehr spürt und in sich aufsaugen kann.

Aber die meiste Zeit der Woche bin ich, seit dem ersten September, wie jeder chinesische Schüler auch in der Schule. Natürlich waren die ersten Momente voller Fragen und Erwartungen: Wie fühlt es sich an, den deutschen Klassenraum mit dem in China zu tauschen? Was gibt es für Unterschiede im Schullalltag der beiden Länder Deutschland und China und gibt es auch Parallelen? In den letzten Monaten konnte ich den Schulalltag aber schon besser kennenlernen. Der erste Moment in meiner neuen Klasse (die in Deutschland der zehnten entspricht) war unglaublich und unvergesslich. 50 Schüler in Schuluniform, die mich alle sehr neugierig mustern und ebenfalls viele Erwartungen an mich als Europäer haben. Alle Schüler meiner Klasse sind sehr interessiert an mir, aber anfangs waren sie größtenteils leider auch zu schüchtern, um mit mir zu reden. In meiner Stufe gibt es 17 verschiedene Klassen, die alle jeweils rund 50 Schüler haben. Meine Schule beinhaltet die Stufen 10-12 – man kann sich vorstellen, dass die Schule um einiges größer ist als deutsche Schulen.

Im Laufe der letzten drei Monate habe ich mich aber schon mehr an die Klasse gewöhnt, und sie sich an mich. Ich muss sagen, dass ich wirklich wahnsinnig nett aufgenommen wurde. Jeder gibt sein Bestes, damit mir der Einstieg in China und an der Schule so leicht wie möglich fällt. In den letzten Wochen habe ich auch außerhalb der regulären Schulzeit mehr mit meinen Klassenkameraden gemacht, wie zum Beispiel Tischtennis oder Fußball spielen. Das Schulleben reicht hier weit über den Unterricht hinaus, was vermutlich daran liegt, dass die meisten Schüler von Sonntagabend bis Freitag im Internat wohnen. Beispielsweise hatten letzte Woche alle Klassen der Stufe Zehn ein Tauziehen-Turnier: Eine Erfahrung, die den Klassenzusammenhalt wahrhaftig stärkt. Ich fühle mich hier sehr gut in die Klasse integriert und die Zeit hier kommt mir schon viel länger als drei Monate vor. Es muss allerdings auch gesagt werden, dass hier eine vollkommen andere Einstellung zur Schule herrscht. Die chinesischen Schüler leben fast nur für die Schule, es fällt ihnen wahnsinnig schwer, sich unseren Schulalltag mit viel mehr Freizeit vorzustellen. Der Leistungsdruck hier ist enorm: Meine Klassenkameraden bekommen wahnsinnig viele Hausaufgaben, und müssen teilweise sonntags und länger als neun Uhr abends in die Schule gehen – Ich darf aber zum Glück um halb fünf nach Hause fahren, da ich die Hausaufgaben noch nicht verstehen kann. Ich bekomme hier aber auch erst zu spüren, auf welch hohem Niveau wir uns in Deutschland doch über Schulstress und zu viel Hausaufgaben beklagen. Außerdem sieht man überall den Kommunismus, der das Land prägt. In jedem Klassenzimmer hängt die Flagge, und am Montag wird von allen Klassen in Reih und Glied die Nationalhymne gesungen. Dies ist wirklich eine unglaubliche Erfahrung, und in Deutschland vermutlich unvorstellbar.

 

Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg

Am Anfang des Jahres war natürlich schnell klar, dass die Sprache der wichtigste Schlüssel zum Erfolg ist – ohne verbale Kommunikation kann man nur schwer ein gutes Verhältnis zu Freunden und Familie aufbauen. Mein Chinesisch hat zum Glück in den letzten drei Monaten wirklich große Fortschritte gemacht. Bei den Unterhaltungen mit meiner Gastfamilie verstehe ich inzwischen schon sehr viel. Es ist unglaublich, wie viele Vokabeln man beiläufig lernt, wenn man ein Teil einer chinesischen Klasse und Familie ist – ich kann meinen Entschluss nach China zu gehen schon jetzt nur weiterempfehlen. Trotzdem muss ich natürlich weiterhin auch viel selber arbeiten. Allerdings ist Sprechen nur das eine: Das Andere ist Lesen und Schreiben, und das scheint immer noch unglaublich schwer zu erlernen. Aber ich werde weiterhin mein Bestes geben, damit ich so viel wie möglich lesen und schreiben kann. Im Unterricht kann ich noch nicht viel verstehen und nutze die Zeit zum Vokabeln Lernen und Zeichen Schreiben. Da ich jeden Samstag in den Kalligrafie-Unterricht gehe, lerne ich hier noch zusätzliche Zeichen – gemeinsam mit Grundschulkindern, die immer noch ganz fasziniert von „dem weißen Europäer“ sind und sich immer sehr freuen, wenn ich versuche Chinesisch zu reden.

 

Unbekanntes Obst und Gemüse

Da in China eine komplett andere Essenskultur herrscht als in Deutschland, möchte ich auch noch meine Erlebnisse mit dem chinesischen Essen schildern. In meiner Familie gibt es zum Abendessen vier bis fünf verschiedene Gerichte mit Fleisch und den verschiedensten und mir größtenteils unbekannten Gemüsesorten. Ich lerne hier viele Obst- und Gemüsesorten kennen, die es in Europa nicht gibt, und ich habe das Gefühl, dass die chinesische Küche zu den vielfältigsten der Welt gehört. Dazu gibt es jeden Tag Reis und meistens noch eine Suppe. Da Shenzhen unmittelbar am Meer liegt, essen wir auch mehrmals pro Woche Fisch und andere Meeresfrüchte. Das Essen ist jeden Tag sehr lecker und die ganze Essenskultur ist viel gemeinschaftlicher als in Deutschland, da nicht jeder seine eigene Portion hat, sondern jeder aus den verschiedenen Gerichten in der Mitte wählen kann.  Aber natürlich habe ich auch schon Dinge gegessen, die man in Deutschland so nicht auf der Speisekarte erwarte würde. Im Urlaub gab es beispielsweise gepresstes Hühnerblut und Hühnerfüße. Außerdem habe ich auch schon eine Art Gelatine aus Schildkrötenpanzer gegessen, wobei mir erst nach dem Essen der Ursprung des Gerichtes erklärt wurde. Aber im Großen und Ganzen ist das Essen hier wahnsinnig lecker und mit keinem China-Restaurant in Deutschland auch nur annährend zu vergleichen.

 

Die "Golden Week"

Eine der schönsten und spannendsten Erfahrungen der ersten drei Monate war die „golden Week“, wie die freie Woche am Nationalfeiertag (1. Oktober) auch genannt wird. Aus diesem Anlass bin ich mit der ganzen Familie und einer Reisegruppe in den Urlaub gefahren: Insgesamt waren wir 30 chinesische Erwachsene, 15 Kinder im Alter zwischen zwei und sieben und ich. Das Ziel der Reise war die benachbarte Hunan Provinz, zu der wir ungefähr zehn Stunden gefahren sind. Shenzhen liegt im Südwesten von China in der Guangdong Provinz, die ungefähr die Größe Deutschlands hat. Es ist für mich immer noch schwer zu glauben, dass eine einzelne Provinz in China größer und bevölkerungsreicher als ganz Deutschland ist. Unserer Feriensiedlung war vollkommen im Nirgendwo, umgeben von Wäldern soweit man blicken konnte. Keine Spur mehr von den Millionenstädten, die China in den deutschen Medien so stark repräsentieren.

Ich denke, dass es natürlich am Anfang möglicherweise ein starker Schock ist, den kompletten Verlust der gewöhnten Standards anzunehmen. Aber es gehört zweifelsfrei zu einem Austauschjahr dazu, dass man sich an die Gegebenheiten anpasst und im Nachhinein war die Zeit eine wahnsinnig lehrreiche und tolle Erfahrung, in der ich viel Zeit mit meiner Familie verbringen konnte.

Es ist hier insgesamt zwar zeitweise total langweilig, ermüdend und anstrengend, aber mir gefällt das Leben trotzdem wahnsinnig gut. Ich fühle mich wohl in der Klasse und Familie – ich bin jetzt schon sehr dankbar, dass ich so viele nette und freundliche Leute kennenlernen durfte. Es ist nicht selbstverständlich, dass man so gut aufgenommen wird. Natürlich vermisse ich auch meine Familie und Freunde in Deutschland, aber ich weiß, dass die Zeit hier knapp ist und ich jeden Moment genießen sollte. Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Wochen, in denen auch Weihnachten und das europäische Neujahr auf uns zukommen, und freue mich auf die weiteren Erfahrungen und Eindrücke, in dieser für mich so faszinierenden Kultur, die ich erleben werde.

Joels Gastfamilie hat ihn sehr herzlich aufgenommen

Kalligraphie-Unterricht in der Schule