Namaste Indien!

Erfahrungsbericht von Linda, Austauschjahr in Indien

 Als ich mich entschloss ein Austauschjahr zu machen, war mir klar, dass ich in eine vollkommen andere  Kultur eintauchen wollte. Aus einem Bauchgefühl heraus entschied ich mich für Indien und diese Entscheidung war hundertprozentig richtig!

 

Es gibt tausend tolle Dinge

Ich habe in Mumbai gemeinsam mit meinen Gasteltern in einer 2-Zimmer-Wohnung gelebt und habe fünf Minuten von unserem Zuhause entfernt meine beste Freundin Sukriti gefunden. Neben meinen Gasteltern haben besonders sie und ihre Familie mein Austauschjahr bereichert! Es gibt tausend Dinge, die mir gerade durch den Kopf gehen und von denen ich gerne erzählen würde, aber ich werde mich auf ein paar einzelne Erlebnisse beschränken.

 

Mein erster Schultag

Ich bin in ein College gegangen, in welchem in mich für den Zweig „Arts", also Gesellschaftswissenschaften, entschied. Ich kam am ersten Schultag gegen zwei Uhr - ich hatte nachmittags Unterricht - klitschnass, da der Monsun gerade in vollen Zügen war, in meinen Klassenzimmer. Ratzfatz war ich von zahlreichen Schülern umgeben, die mich mit Fragen löcherten und mich zuerst für einen Albino hielten, sodass sie mich auf Hindi anquatschten, wovon ich natürlich kein Wort verstand. Als ich dann erzählte, dass ich aus Deutschland komme und als Austauschschülerin ein Jahr in ihre Klasse mit ca. 90 Schülern gehen würde, wollten alle sofort meine Freunde sein.

 

Helle Haut ist ein Schönheitsideal

In Indien ist mir bewusst geworden, dass ich auch eine Hautfarbe habe. Einmal habe ich mit ein paar Klassenkameraden Armdrücken gemacht. Als Ishita meine Hand losließ, sah man einen weißen Abdruck auf meiner Haut, wo ihre Hand zuvor gedrückt hatte. Außerdem war mein Kopf durch die Anstrengung etwas rot geworden, sodass alle Angst bekamen und mich fragten ob meine Hand wehtue und alles in Ordnung mit mir sei, da ich auf einmal so rot geworden bin. Ich konnte nicht mehr vor Lachen und wurde noch röter...

 

Meine Cousine heiratete

Zusammen mit meinen Gasteltern war ich zu einer Hochzeit meiner Gastcousine eingeladen. Das war ein sehr schönes Ereignis! Mittlerweile kannte ich viele meiner Tanten und Onkel und war voll in meine Familie integriert. Am Abend vor der Trauung wurde die Braut mit Mehndi (Henna) bemalt und alle anwesenden Frauen haben ein kleines Henna-Tattoo auf die Hand bekommen. Am nächsten Tag fand die Hochzeit mit zahlreichen religiösen Zeremonien statt.

 

Die Religion beeindruckt mich

Noch heute bin ich davon sehr fasziniert: die tiefe, immer allgegenwertige Religiosität der Inder. Es ist selbstverständlich den Glauben - sei es bei Hindus, Christen oder Moslems -  ins alltägliche Leben zu integrieren und nach ihm zu leben. So haben meine Gasteltern beispielsweise jeden Morgen zu ihren Göttern, die in einem Schrein standen, gebetet. Und es war ganz normal „God bless you" zu sagen. Auch das Miterleben der vielen hinduistischen Feiertage war toll.

 

Als blondes, weißes Mädchen in Indien

Etwas, woran ich mich erst gewöhnen musste, waren die Blicke, die man als blondes weißes Mädchen auf sich zieht. Ich war sehr oft, ungewollt, der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sei es in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Markt, in einem Einkaufszentrum oder einfach auf der Straße. Irgendwann ist es mir nicht mehr aufgefallen, vor allem dann nicht, wenn ich von meinen indischen Freunden umgeben war. Dadurch habe ich manchmal für verdutzte Gesichter gesorgt, wenn ich zu den Rikscha- Fahrern oder den Händlern auf den Märkten ein paar Worte auf Hindi sagte und sie mich nicht mehr so leicht übers Ohr hauen konnten.

 

Ein anderes Rollenverständnis

Manchmal fiel es mir schwer mit bestimmten Rollenverhältnissen zurecht zu kommen. So galt ich mit 16 Jahren als Kind. Diskussionen waren nicht immer möglich, sondern  es ging meistens nach dem Motto: Ich bin älter, habe mehr Lebenserfahrung und weiß was für dich richtig oder falsch ist. Aus reiner Sorge und aus dem Verantwortungsbewusstsein meiner Gasteltern heraus, gab es viele Regeln, an die ich mich zu halten hatte, was mir aber nach einiger Zeit auch einleuchtete, da manche Dinge in Indien nun mal anders sind als hier.

 

Nun bin ich seit fast 2 Jahren wieder in Deutschland und bin zwischendurch wieder in Indien gewesen. Ich kann nur jedes Mal von neuem sagen, wie faszinierend das Land ist. Es hat so viele zahlreiche Facetten, die man nie alle begreifen wird. Jedes Austauschjahr unterscheidet sich von einem anderen. Viele Austauschschüler lebten im Norden Indiens und haben komplett andere Erfahrungen gemacht als ich: eine andere Sprache, eine andere Religion, andere Kleidung, andere Sitten.

 

Und doch spreche ich für uns alle, wenn ich sage: Indien ist ein faszinierendes Land, mit warmherzigen und sehr gastfreundlichen Menschen – es lohnt sich!

Linda mit ihren indischen Gasteltern

Linda bekommt von ihrer Freundin einen Segenspunkt auf die Stirn getupft

Linda bei einem indischen Fest