Konnichiwa aus dem Land von Sumo, Sushi und Samurai

Erfahrungsbericht von Jana, Austauschjahr in Japan

Nun ist es schon fast 8 Monate her, dass ich in den A380 am Frankfurter Flughafen gestiegen bin und mich auf eine Reise in eine völlig neue Welt begeben habe. Genau 244 Tage, seit ich mein gewohntes Leben in Deutschland zurückgelassen habe, um für die kommenden 10 Monate ganz in den Alltag einer 16-jährigen Japanerin einzutauchen. Unglaublich, wie schnell die Zeit verflogen ist, obwohl doch so vieles in diesen paar Monaten passiert ist.

Die erste Woche in dem mir bis dahin noch völlig fremden Land habe ich in Tokyo bei einer großartigen Arrival Orientation mit all den vielen anderen Austauschschülern aus der ganzen Welt verbracht und wurde so in kürzester Zeit bestmöglich auf mein künftiges Leben in dieser neuartigen Kultur vorbereitet.

 

Erste Eindrücke

Dann war es plötzlich so weit: Es kam der Tag, an dem ich auch meine letzten Freunde am Flughafen in Tokyo zurücklassen musste. Mein Leben als deutsche Austauschschülerin in Japan startete eine Flugstunde später in Osaka, der drittgrößten Stadt Japans an der Westküste der Hauptinsel Honshū bei meiner Gastfamilie. Hier habe ich mich bereits ab dem ersten Tag wohl gefühlt und meine lieben Gasteltern, meine 16-jährige Gastschwester Yukie und ihren 12-jährigen Bruder Junya sofort ins Herz geschlossen. Jeder Tag brachte neue Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse mit sich. Wir haben gemeinsam deutsches Ostern gefeiert und ein wundervolles Hanami (traditionelle Kirschblütenschau) vor der Burg Osaka verbracht, uns einen ganzen Abend lang mit Sushi vollgestopft und das örtliche Shopping Center unsicher gemacht. Meine Gastfamilie hat mir eine kulturelle und kulinarische Entdeckungsreise in die Fernen und Weiten dieses einzigartigen Landes geboten, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte. Sie haben mir dabei geholfen, mich an ihre fremdartige Kultur anzupassen und waren sehr verständnisvoll gegenüber meinen anfänglich mangelhaften Japanischkenntnissen, halfen mir sogar, diese schrittweise zu verbessern. Meine Gastfamilie hat mir in all diesen Wochen Erfahrungen ermöglicht, die ich sonst wohl nirgends hätte machen können.

 

Meine japanische Schule

Meine Gastschule, die Baika Girls High School unterscheidet sich in vielen Punkten ungemein von meiner alten Schule, denn das, was ich hier tagtäglich erlebe, hat mit meiner deutschen Schule wohl so viel gemein, wie die Sahara mit der Antarktis.
Wie in den meisten japanischen Schulen herrscht auch hier Uniformpflicht. Alle tragen dieselben knielangen Röcke, dieselben überlangen Kniestrümpfe, dieselben anständig zugeknöpften Blazer und dazu passend dieselben schlichten schwarzen Schultaschen. Ich fühle mich wohl in meiner neuen Schuluniform. Da brauche ich mir nicht tagtäglich Sorgen um die passende Kleidung zu machen, denn hier soll Individualität nur in den Köpfen herrschen, nach außen hin sollen wir eine Gemeinschaft darstellen.



Der Unterricht ist eine besondere Herausforderung. Der Standard-Schulstoff ist sehr anspruchsvoll und darüber hinaus gilt es auch noch weit über tausend verschiedene Schriftzeichen zu lernen. Da wird Zuhause nicht selten mehr gelernt als geschlafen.
In der Mittagspause schieben alle ihre Tische zusammen und öffnen ihre O-Bentos. Tofu, Shrimps, Seetangsalat und natürlich ganz viel Reis. Wir reden viel und lachen eine Menge. Die Mädchen stellen mir oft Fragen über Deutschland, im Gegenzug erfahre ich immer wieder Interessantes über Japan.

 

Über die Volleyballmanschaft bis hin zum Handglockenchor

Nach Unterrichtsschluss treten die wenigsten Schüler gleich den Nachhauseweg an. Die einen packen Kochschürzen aus ihren Taschen, eine Mitschülerin holt ihren Tennisschläger aus dem Spind, eine weitere zieht ihren Badeanzug aus dem Sportbeutel. In Japan ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, nach dem Pflichtunterricht an den schulischen Clubs teilzunehmen. Vom Kunstclub, über die Volleyballmannschaft bis hin zum Handglockenchor – bei über 29 verschiedenen Clubs wird jeder fündig. Für mich geht es nach dem Unterricht jeden Tag für mehrere Stunden zum Tanztraining. Dass ich deshalb erst abends um 8 Uhr nach Hause komme, ist für mich mittlerweile völlig normal, denn in Japan stellt das Clubleben gleichzeitig auch die Hauptfreizeitaktivität der Jugendlichen dar. Man bleibt einfach in der Schule und geht zusammen mit Freunden seinen Hobbies nach. Das macht doch mehr Spaß, als zuhause vor dem Fernseher zu sitzen, nicht?



Das hört sich bestimmt nach einer ziemlich großen Veränderung an gegenüber dem, was wir von unserem entspannten Schullalltag in Deutschland gewohnt sind. Aber keine Sorge, wie sehr sich meine neue japanische Schule auch von der deutschen unterscheiden mag, ich habe mich gut an all die Veränderungen angepasst und könnte mich mittlerweile auch auf keiner anderen Schule der Welt wohler fühlen. Ich hätte nie gedacht, dass mir all die neuen Freunde hier mit der Zeit so ans Herz wachsen würden und auch, wenn es nicht immer einfach ist, den Unterrichtsstunden zu folgen und mein Schultag erst am Abend endet, genieße ich auch diesen Teil meines Auslandsjahres, sogar die allgegenwärtige Disziplin habe ich mit der Zeit lieben gelernt. Jeder Schultag bringt etwas Neues mit sich, Herausforderungen, denen ich mich gerne stelle, mit meinen Klassenkameraden gibt es immer eine Menge zu lachen und auch der Unterricht ist entgegen aller Erwartungen keinesfalls langweilig.

 

 

Küche und Kultur

Mein neues, japanisches Leben lässt sich wohl kaum mit dem, was ich aus Deutschland gewohnt bin, vergleichen. Die japanische Kultur ist eine besondere. Die Menschen sind alle sehr freundlich, aber es wird großer Wert auf Höflichkeit und Respekt gelegt. Jahrhunderte alte Tempel inmitten hochmoderner Großstädte sind keine Seltenheit, denn Japan ist ein Land zwischen Tradition und Moderne. Auch die japanische Küche ist eine einzigartige. Reis und Fisch gehören zu jeder Mahlzeit dazu und werden in vielen verschiedenen Variationen zubereitet.  So gut wie alles wird mit Stäbchen gegessen und Suppen werden zumeist geschlürft. Ausgefallen sind die Speisen allemal. Ich habe hier schon oft Sachen gegessen, die ich noch nie zuvor gesehen habe.


Mein Japanisch hat sich in all der Zeit um einiges verbessert. Bei den vielen Höflichkeitsformen und über 2000 Schriftzeichen, die es neben 2 Silbenalphabeten zu lernen gilt, ist es natürlich nicht besonders einfach, aber da mir meine Gastfamilie bei Fragen immer gerne zur Seite steht und mir in meiner Gastschule einige Lehrer freiwillig Privatunterricht in Japanisch geben, lerne ich von Tag zu Tag immer mehr dazu, sodass es inzwischen sogar ein Einfaches ist, mich mit den Leuten aus meiner Umgebung spontan zu unterhalten.


Es ist wirklich erstaunlich, wie sehr sich mein Leben in so kurzer Zeit komplett auf den Kopf gestellt hat, aber trotz all der vielen Umstellungen und Veränderungen bin ich so glücklich wie noch nie. Ich weiß nicht, ob dieses Jahr das Beste meines Lebens ist, aber es ist die lehrreichste, aufregendste und erlebnisreichste Zeit bisher. Auch jetzt, wo sich mein Auslandsjahr langsam seinem Ende zuneigt, blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. Wer weiß schon, was mich in den nächsten Wochen noch so alles erwarten wird.

Jana mit ihrer japanischen Gastfamilie

Jana mit japanischen Schulfreunden

Ein bisschen Spaß muss sein...

Jana in einer typisch japanischen Tracht