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Mittagessen in einer Schule in China

Ein Jahr mitten im Getümmel

Erfahrungsbericht von Philipp, Austauschjahr in China

Wie beschreibt man am besten sein neues Leben in einer chinesischen Millionenstadt, wenn man aus der niederbayerischen Provinz kommt? Geht das überhaupt? Kann man die Leberkäs-Semmel wirklich mit Tofu vergleichen? Ich werde es versuchen, aber ich kann gleich schon sagen: Man muss es einfach selbst erleben!

 

Wie alles begann...

Ich bin vor knapp vier Monaten hier im riesigen Peking angekommen, mein Leben in einem großen und einem kleinen Koffer eingepackt. Ich weiß noch, wie mich meine Gastfamilie vom YFU-Büro abgeholt hat: Meine Gastschwester war zu aufgeregt und brachte kaum ein Wort heraus. Mein Gastvater hat ebenfalls Schweigen bevorzugt, da er kein Englisch konnte. So war ich also am ersten Tag ziemlich auf meine Gastmutter angewiesen, die mich gleich herzlicher als herzlich (chinesisches herzlich) empfangen hat. Und mein Gott war ich da froh, dass sie Englisch konnte. Wer weiß wie manche Dinge, die damals sowieso schon ein bisschen chaotisch verliefen, geendet hätten, wenn ich auf mein Minimum-Chinesisch angewiesen wäre. 

 

Mir waren ihre kleine aber feine Wohnung und die Umgebung hier gleich sympathisch. Ich habe hier einen Mini-Park, einen kleinen Supermarkt um die Ecke (wo die Angestellten jedes Mal gar nicht aus dem Staunen herauskommen, wenn ich zwischen den Regalen durchschleiche und versuche, die Zeichen zu entschlüsseln), mehrere kleine Friseure, ein Fitnessstudio (mit Schwimmbad!!!), viele leckere Restaurants usw. Ich brauche also nur vor die Tür zu gehen, und schon bin ich mitten im Getümmel! Und mit Getümmel meine ich, dass man in China nie alleine ist, was mich bis jetzt aber nie gestört hat. Im Gegenteil, das finde ich ziemlich cool an meinem neuen Alltag: Einfach mit vielen Leuten gemeinsam den Bus zu nehmen und gemeinsam für einen leckeren Fladen und Bohnensaft anzustehen, einfach ein kleiner Teil einer chinesischen Masse zu sein. Ich habe zum Beispiel in letzter Zeit im Bus Bekanntschaft mit einer etwas älteren Dame gemacht, sie arbeitet sehr nahe bei der Busstation an der ich jeden Tag aussteige. Jetzt kommt sie jeden Tag angerannt zur Bushaltestelle und freut sich unglaublich, wenn ich noch da bin. Sie ist so aufgeregt, dass sie jetzt einen „deutschen Bekannten" hat und sie will auch immer neben mir sitzen. Ich mag sie wirklich gerne und mit ihr zu plaudern ist immer unterhaltsam und auch interessant. Unterhaltungen mit Fremden im Bus oder wo auch immer sind nicht die Ausnahme, und es macht wirklich Spaß! Man lernt jeden Tag dazu...

 

Die chinesische Kultur

Viele trauen sich das aber auch nicht. Manchmal habe ich das Gefühl sie haben Angst vor mir, und mustern mich lieber erst mal von weitem. Für manche mag sich das jetzt furchtbar schlimm anhören, ständig bewundert (angeglotzt)  zu werden, aber es ist komischerweise genau das, was dir meistens ein Schmunzeln auf dein europäisches Gesicht zaubert, eben weil es manchmal zu „strange“ ist, dass es dich nach (doch schon) 3 Monaten immer noch unterhält. Ein Beispiel, dass mir dazu gleich einfällt, sind kleine Kinder, die, meistens auf dem Schoß der Großeltern, neben mir im Bus oder in der U-Bahn sitzen. Nachdem sie mich mehrere Minuten völlig perplex mit großen Augen begutachten, bringen sie meistens nur diese Worte heraus: “外国人“ – Ausländer. Ich kann mir mein Grinsen normalerweise nicht verkneifen. 
Natürlich kann es einem auch mal auf die Nerven gehen, vor allem wenn man gerade eine schwierige Zeit hat. Dennoch muss ich sagen, dass es mir mittlerweile gar nicht mehr SO stark auffällt. Man kann sich nicht komplett daran gewöhnen, glaube ich, aber irgendwie wird’s ja doch zum Alltag. Lustig ist z.B. wenn ich mich mit meinen Mitschülern treffe, und sie mich darauf hinweisen, dass uns die ganzen Leute anschauen. Für die ist das was Neues, für mich wie gesagt schon ein bisschen normal.

 

Sagenhaft leckeres Essen!

Wenn man für ein Jahr lang nach China geht, denkt man natürlich ziemlich schnell an chinesisches Essen. Man hört schon immer, dass es wirklich gut schmecken soll; andererseits ist eine der häufigsten Fragen die man sich vor seinem Austauschjahr anhören muss: „Kommst du dann mit dem Essen schon klar?“. Bzw. „Ja, aber Hund isst du dann da nicht, oder?“.
Jetzt wohne ich in einer chinesischen Familie, hätte praktisch meistens keine andere Wahl außer chinesischem Essen, und ich kann nur sagen: SAGENHAFT LECKER! Ich hatte nie Angst  davor, dass ich hier verhungern müsste, aber dass es so lecker wird, hätte ich mir auch nicht vorstellen können. Ich esse hier zum Beispiel wie oben schon erwähnt jeden Tag chinesisches Frühstück, bestehend aus einem Fladen mit Fleisch/ Wurst, Salat, Ei, und leckeren Soßen drin, oder „Bao Zi“ (gedämpfte Dumplings), oder „Jiao Zi“ (gekochte Dumplings), oder noch vielen anderen Möglichkeiten. Dazu wird dann normalerweise „Zhou“ (Reisbrei) oder auch Wahlweise „Dou Jiang“ (Bohnensaft) getrunken. Chinesisches Frühstück war zum Beispiel eines der ersten Dinge, die ich mir selbst auf der Straße bestellen und kaufen konnte. Was gut schmeckt, kann man sich einfach leichter merken!
Abends kochen meine Gasteltern. Und das sieht meistens so aus, dass verschiedenes Gemüse und Fleisch in der Pfanne gebrutzelt (davon meist mehr als genug) und dazu dann meistens Reis gegessen wird. Und da’s jeden Tag so gut schmeckt, sitzen wir meistens ewig beim Essen und unterhalten uns über fast alles. Die schönste Zeit des Tages!
Zum Essen könnte ich jetzt noch viel schreiben, aber ich will ja keinem Hunger machen. Nur noch eins:
Wer kein Hundeliebhaber ist, sollte Hundefleisch unbedingt probieren, falls er die Möglichkeit hat. Meiner Meinung nach schmeckt’s nämlich.

 

Meine chinesische Gastfamilie

Was meine Familie angeht, hätte ich vielleicht kein größeres Glück haben können. Ich habe mich nie unwohl hier gefühlt, weil ich einfach ein ganz normaler Teil von ihnen bin. Und es ist wie schon gesagt einfach sagenhaft, z.B. mit meinem Gastvater, nach dem Essen noch zwei Stunden am Tisch zu sitzen, und versuchen zu verstehen, was der dir mitteilen will. Aber mit Anstrengung klappt’s!
Das lustige an meiner Gastfamilie ist, dass manche Dinge genauso sind wie daheim (in abgewandelter chinesischer Variante) und manche Teile dann doch nicht unterschiedlicher sein könnten. Zum letzeren Teil gehört zum Beispiel, dass ich hier meine Unterwäsche selbst waschen muss, separat von der restlichen Kleidung. Wenn ich ehrlich bin, hab ich jetzt erst gelernt, wie man richtig selbst Wäsche wäscht. Ziemlich ähnlich ist zum Beispiel, dass wir hier samstagabends auch vor dem Fernseher zusammenkommen und zusammen Quiz-Shows schauen – genau wie in meinem bayerischen Zuhause. Ich finde, meine chinesische Familie ist der wichtigste Teil in meinem Austauschjahr. Mit ihnen hab‘ ich schon so viel erlebt, und das endet ja auch nie: Jeder Tag birgt neue kleine Verwunderungen und Überraschungen. Überhaupt hab‘ ich einfach Glück gehabt, was meine Freunde, die Lehrer, und alle anderen Leute angeht, mit denen ich mein Austauschjahr verbringe. Ich hab‘ mich sehr schnell wohl in der Schule usw. gefühlt, weil ich einfach freundlich empfangen worden bin. Und auch wenn die ersten Freundschaftsversuche eher schüchtern waren (natürlich, es war für meine Mitschüler und mich ungewohnt), lernt man nach einiger Zeit auch die ganz normale chinesische Seite am Anderen kennen, was dann die wirklich lustigen Situationen erst ermöglicht. Die Menschen sind ja nicht nur in der Schule nett, sondern man kann, wie schon erwähnt, mit fast jedem irgendwie in Kontakt treten. Man muss nur offen und gut drauf sein, und vielleicht ist auch ein bisschen Zufall gefragt. Die Wächter von unserem kleinen Wohnbezirk kennen mich mittlerweile schon, und sie empfangen mich jeden Tag, wenn ich von der Schule heimkomme mit einem: „Schön, dass du wieder zurück bist!“. Ich wär vor meinem Austauschjahr auch nie auf die Idee gekommen, dass ich eines Tages mal mit chinesischen Wachmännern darüber schimpfe, warum der Trink-Wasserautomat jedes Mal kaputt ist, wenn ich Auffüllen komme.

 

Jeden Tag etwas Neues erleben

Das, was ich jetzt so ein bisschen beschrieben habe, umfasst bei weitem nicht alles, was es zu erzählen gibt. Ich glaube, das würde auch gar nicht gehen. Es war einfach der Eindruck, der mir im Moment von China im Kopf schwirrt, und dieser Eindruck ist aufregend und extrem spannend.
Und wie ich vorher schon mal erwähnt habe, präsentiert mir China jeden Tag neue Seiten. Das Beste daran: Man kann es nicht voraussehen, man hat meistens keinen festen Plan, man ist immer gespannt und lässt sich auf Neues ein. Und ich liebe dieses Gefühl!
Auch wenn’s die schwierigen Zeiten gibt, waren meine vier Monate in Peking eine unglaublich interessante Zeit, und ich hoffe, ich werde noch viele weiter leckere Sachen essen und außergewöhnliche Dinge entdecken, die mir China noch nicht gezeigt hat. Danke YFU und Danke an die Mercator-Stiftung! Ihr habt mir das alles ermöglicht, und ihr ermöglicht mir auch die restliche Zeit, die mich China noch hat. Wie viel hätte ich jetzt schon verpasst, wenn ich nicht nach China gekommen wäre!


谢谢. Philipp

Philipp beim Chinesisch Lernen

Philipp in China

Eine chinesische Schulklasse während der Essenspause