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Von Blumenkränzen, Abenteuern und netten Letten

Erfahrungsbericht von Jara, Austauschjahr in Lettland

Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen: 80% von euch haben noch nie etwas von Lettland gehört, waren noch nie da, und lesen diesen Bericht aus purer Neugier. 15% sind Austauschschüler, die Lettland auf ihrer Liste stehen haben und nun jede Information wie ein Schwamm aufsaugen. 4% sind Menschen, die sich fragen, wie jemand so bekloppt sein könnte, nach Lettland gehen zu wollen. Und das restliche Prozent besteht aus ehemaligen Austauschschülern, höchstwahrscheinlich in Lettland, die mit einem Lächeln auf das vergangene Jahr zurückblicken und zu denen ich mich auch zähle.

 

Jedes Mal, wenn ich an mein Austauschjahr zurückdenke, breitet sich in mir dasselbe Gefühl aus wie vor vier Monaten, bei meinem ersten Abschied aus Lettland. Ein Echo von Gelächter, Musik und Freude, die ich in meinem Austauschjahr erleben durfte.

 

Warum nicht?!

Die etwas abwegige Idee, nach Lettland zu fahren, kam mir vor mehr als zwei Jahren, bei meiner Bewerbung bei YFU. „Warum Lettland?", fragten viele. Ich frage zurück: Warum nicht?! Ich habe mich Hals über Kopf in dieses kleine Land mitsamt seinen Traditionen, seinem Wetter und seinen schlaglochübersäten Straßen verliebt, die jede Autofahrt zu einem Erlebnis machen. In der Tat wünschte ich mir oft, die Zeit anhalten zu können und nie wieder aussteigen zu müssen.

 

Der erste Vorgeschmack auf unser Austauschjahr wurde uns bei der VBT gegeben (für die nicht YFUler: Vorbereitungstagung; es gibt nichts, was YFU mehr liebt als Abkürzungen). Eine lustige Truppe, Energizer und AGs zu allen möglichen Themen formten eine tolle Woche, zu deren Ende wir uns lediglich mit einem „Bis in 14 Monaten!" verabschiedeten. Schließlich würden wir uns alle auf dem Young Europeans' Seminar (YES) wiedersehen!

 

Abflug und Ankunft in Lettland gingen in einem Adrenalinrausch an mir vorbei. So überdreht blieb ich eine ganz Weile, bis ich tatsächlich angekommen war. Schon direkt nach meiner Ankunft stellte mich dieses Land vor besondere Herausforderungen: Allein nach Riga? Wird schon werden. Dem Busfahrer ohne jegliche Sprachkenntnisse klarmachen, wo ich hinwollte? Den Stadtnamen solange wiederholen, bis er mir kopfschüttelnd ein Ticket ausstellt. Russischunterricht für die zehnte Klasse? Меня зовут Яра!

 

Riesenbegeisterung für Musik

Auch angekommen wurde es nie ruhig im kleinen Dorf, in dem ich wohnte. Die Letten scheinen dreimal die Energie zu haben. Musik ist unglaublich wichtig. Es ist nicht ungewöhnlich, einfach mal ein kleines Liedchen anzustimmen, in das dann alle einfallen. Es ist so ansteckend, das sogar ich mit meiner wenig richtigen Singstimme mitsinge, wegen Textschwierigkeiten hin oder her....  Es ist auch schon passiert, dass jemand im Unterricht  bei einer Stillarbeit (!) Musik anmacht und dann alle laut mitsingen. Die Begeisterung der Letten ist nicht im Zaum zu halten.

 

In meinem Jahr hatte ich nicht nur die Möglichkeit, Lettland kennenzulernen, sondern durfte mir auch Tallinn, Vilnius, und sogar Sankt Petersburg mal von einer anderen Seite ansehen. Tallinn ist die wunderschöne kleine Hauptstadt von Estland, nördlich von Lettland. Ein Kern aus alter Burg, einem Berg, hübsche kleine Stände, eine Schale aus modernster Architektur. Vilnius die Hauptstadt von Litauen, dem größten dieser drei Staaten. Mit Kopfsteinpflaster, ein paar Steigungen und einer dem lettischen fast ähnlichen Sprache hat es ein ganz besonderes Flair. Als Letztes noch unsere selbstorganisierte Reise nach Russland, nach Sankt Petersburg. Im krassesten Gegensatz zu Lettland eine riesige Millionenstadt mit einer Metro, einer ganz anderen Sicht der Vergangenheit und russischen Schildern überall!

 

Welche Sprache spreche ich eigentlich?

Der (vor-)letzte Teil meines Austauschjahrs war das YES, das Young Europeans Seminar. Ein viertägiges Treffen aller europäischen Austauschschüler, insgesamt etwa 500 Leute plus zusätzlich 100 Teamer! Große Freude und viele Luftsprünge vor allem beim Wiedersehen mit meinen alten Freunden von der VBT und ein Vorgeschmack auf die Wiederkehr nach Deutschland. Auch sehr normale Dinge hier kamen mir nach der Zeit in Lettland einfach seltsam vor- so wie etwa der Himmel. Die erste Nacht starrte ich in Schock hinauf und wunderte mich lautstark über die Farbe. Er war so dunkel!!! Weiter nördlich bleibt es bei einem gemäßigten Grau... Oder beschlossen eine Freundin und ich, dass uns zu viel Deutsch gesprochen wird und dass wir von dann ab Lettisch reden würden. Besonders witzig war eine Begegnung mit einer Deutschen, die in Finnland gewesen war, aber als zweite Muttersprache lettisch sprach und schlussendlich mit mir halb deutsch, halb lettisch und halb finnisch redete! Eine besondere Erfahrung, die alle ATS teilen werden: Welche Sprache spreche ich gerade eigentlich?!

 

Tanzen mit 15.000 Menschen

Ein absoluter Höhepunkt meines Austauschjahrs war das Gesangs- und Tanzfest, auf lettisch Vispārējie latviešu dziesmu un deju svētki. Dieses findet alle fünf Jahre in Rīga statt und dauert eine Woche. Die Vorbereitungen, etwa Vortanzen, dauern hingegen zwei Jahren vor jedem Fest. Nur die besten Tanzgruppen und Chöre dürfen mitsingen. Zu meiner allergrößten Freude zählte mein Tanzkollektiv auch dazu, daher machte ich mich vom YES in Berlin nicht wie alle anderen Austauschschüler auf nach Hause, sondern zurück nach Hause, nach Lettland. Fünf Tage Schlafentzug in wunderhübschen Riga, um zusammen mit 15000 (Fünfzehntausend!!) Tänzern eine riesige Choreografie hinzulegen. Und der Tanzteil war noch der kleinere Teil der Feste, wesentlich mehr Teilnehmer noch hat der Gesang, etwa 25000. Am letzten Abend durften wir uns – als Teilnehmer kostenlos - das Endkonzert anhören.

 

Noch nie habe ich so viele Menschen auf einem Fleck gesehen. Ein zehntausend Stimmen starker Chor, der achtstimmig singt, ist etwas Einzigartiges.

 

Auch wenn mein Austauschjahr inzwischen vorbei ist, ist die YFU-Familie immer wieder für Überraschungen gut: Immer wieder treffe ich lang vergessene Freunde wieder und lerne neue Leute kennen. YFUler sind halt alle cool.

 

Darum sollte man nach Lettland fahren!

Warum sollte ich irgendwem empfehlen, ausgerechnet nach Lettland zu fahren? Lust auf Neues? Lust, mal ein paar abwegige Sachen zu unternehmen? Lust auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Lust auf ein singendes, tanzendes und stolzes Volk? Worauf wartet ihr dann noch?!

 

Was wird die Wagemutigen, die sich in ein Land wie dieses trauen, erwarten? Ich kann euch mal einen groben Vorgeschmack geben:

Saunagänge. Teeschlürfen im Unterricht. Fahrradfahren im Tiefschnee. Skilaufen. Tannenbaumschlagen. Volkstanz. Erdbeerpflücken. Spektakuläre Sonnenaufgänge. Baden in eiskalten Seen. Unglaubliche Gelassenheit. Spontanität. Spaziergänge bei Minusgraden. Nette Letten. Blumenkränze. Weite Röcke. Riesige Lagerfeuer. Gastfreundschaft. Eis in Fünf-Liter-Behältern. Aberglaube. Solfežau. Schlager (beliebte!). Knickse. Künstler. Sonnenschein von Januar bis Juli. Uralte Schlösser. Konzerte. Großartige Musik. Tischtennis. Schräger Humor. Sehr aktive 60-Jährige. Haferbrei mit Marmelade. Moorbeeren. Namenstage. Wiesen. Wälder.Höfliche Jungs.

 

Aber ich will nichts vorwegnehmen.

Jara mit einer Freundin

Jara (zweite Reihe, ganz links) mit ihrer Tanzgruppe

Beim Gesangs- und Tanzfest in Riga kommen zehntausende Menschen zusammen

Das Fest findet nur alle fünf Jahre statt