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Links neben Russland, zwischen Estland und Litauen

Erfahrungsbericht von Charlotte, Austauschjahr in Lettland

„Was, du fährst nach Lettland? Was willst du denn da? Warum fährst du nicht in die USA oder Neuseeland, so wie jeder? Was willst du überhaupt mit Lettisch?" Typische Fragen, die ich mir als künftige Austauschschülerin in Lettland von sämtlichen Freunden und Bekannten anhören musste. Wo es denn genau liege (links neben Russland, zwischen Estland und Litauen!), welche Sprache man dort denn spreche (lettisch natürlich!) und ob es dort überhaupt fließend Wasser gäbe (na klar!). Nein, mein Entschluss stand fest, mich reizte das Unbekannte. Es hätte mich genauso gut in die Mongolei oder nach Timbuktu verschlagen können. Osteuropa, fremde Sprache, rein ins Abenteuer!

 

Jetzt geht's los

Der Abschied von Deutschland fiel mir leicht, das Kofferpacken nicht: Kann man Kleidung und persönliche Gegenstände für ein ganzes Jahr in einen Koffer plus Handgepäck pressen, die zusammen nicht schwerer als 28 kg sein dürfen? Man muss! Dank mehrmaligem Umpacken und Aussortieren, wodurch auch leider meine Querflöte zu Hause blieb gelang es mir endlich. Lieber einen Pullover mehr gegen den kalten lettischen Winter.

 

Auf der Fahrt im Auto meiner Gastmutter, die mich vom Flughafen in Riga abgeholte hatte, in meine neue Heimat sah ich zum ersten Mal die lettische Landschaft: unberührte Kiefernwälder, ungemähte Blumenwiesen, hier und da kleine Städte mit unvermeidlichen Plattenbau, die holprigen Straßen, klapprige Autos. Ein bisschen heruntergekommen alles, aber sauber und gepflegt, durchaus sympathisch. Auch Kandava, meine neue Heimat, sah nett aus; unser kleines Holzhäuschen, wo weitere Gastschwestern und ein leckeres Essen auf mich wartete.

 

Als traditionell am 1. September die Schule anfing, wurde ich überrascht. Der erste Schultag in Lettland ist geprägt von feierlichen Ansprachen und dem Singen der Hymne. Die Schüler gehen in bester Kleidung zur Schule und schenken ihren Lehrern Blumen. Mein Klassenlehrer, der ein bisschen Deutsch konnte, erklärte mir, was vor sich ging und ermunterte meine etwas schüchternen Klassenkameraden, mit mir zu reden. Ich genoss die Aufmerksamkeit, die mir alle schenkten. Endlich lernte ich ein paar mehr Letten kennen.  Meine ersten Wochen in meiner neuen Klasse habe ich in sehr guter Erinnerung. Alle waren sehr hilfsbereit und interessiert an mir und was ich über Deutschland erzählte: dass in Berlin mehr Menschen leben als in ganz Lettland zusammen, dass wir Brot frisch aus der Bäckerei kaufen und nicht nur abgepackt im Supermarkt, dass es im Sommer durchaus mal heißer als 35°C werden kann und, was lettische Schüler sehr verwunderte, dass deutsche Schüler mit 6 Wochen Sommerferien, anstelle der lettischen 3 Monate, auskommen müssen.

 

Immer etwas los

Da ich unbedingt lettischen Volkstanz lernen wollte, meldete ich mich bei einer Tanzschule an. Daraufhin füllten sich die Nachmittage immer mehr; mit Arbeiten im Schulparlament, Theater- AG und der anspruchsvollen Tanzschule, die ich letzendlich4 Mal in der Woche besuchte und die viel mehr zu bieten hatte als nur lettischen Volkstanz. An den Wochenenden unternahm ich Ausflüge mit anderen Austauschschülern, häufig mit dem regelmäßig verkehrenden und günstigen Autobus. Oft besuchte ich auch Kulturveranstaltungen, die es reichlich gab, Konzerte, Theater und Tanzaufführungen.

 

Familienleben

Von der am Anfang etwas empfundenen Langeweile war nichts mehr übrig. Außerdem lernte ich jeden Tag mehr Lettisch und konnte mich nach 2 Monaten schon gut verständigen, was mir endlich ermöglichte, mich auch mit meiner Gastmutter zu unterhalten. So konnte ich sie endlich richtig kennenlernen: als eine Frau, die es nicht leicht hatte im Leben, die als Mutter von 6 fast erwachsenen Töchtern und Arbeitssuchende, da die Grundschule an der sie unterrichtet hatte geschlossen wurde, versuchte als Pflegemutter von 5 vernachlässigten Kindern die Familie zu ernähren. Eine wirklich bewundernswerte starke und kluge Frau, meine Gastmutter, die auch mir bei allen Problemen zur Seite stand und helfen konnte. Alles war super!

 

Winter...

Doch dann kam der echte lettische Winter; mit -25°C und knietiefem Schnee, der 3 Monate lang liegen blieb. Aus war es nun mit den Ausflügen, abgesehen von gelegentlichen Schlittenfahrten in den lettischen „Bergen". In Lettland zählt jeder Hügel über 10m Höhe als Berg, auch die höchste Erhebung kommt nicht über 312m ü.d.M. hinaus, was die Letten nicht davon abhält, ausgiebig Wintersport zu betreiben. Meist saß jeder träge zu Hause, es war ewig dämmrig und eiskalt. Doch auch aus dieser Zeit versuchte ich immer das Beste zu machen. Ich fuhr zu Eishockeyspielen, was in Lettland sehr beliebt ist, ging in die Oper, feierte im Familienkreis Geburts- und Namenstage, die in Lettland ähnlich groß gefeiert werden, besuchte Austauschfreunde, die in ganz Lettland verstreut in Gastfamilien untergebracht waren und nahm an sämtlichen Schulexkursionen teil, auf die meine Lehrer mich mitnahmen.

 

Die Krönung

Dann kam Ostern: Sowohl mit vielen Eiern, die gefärbt, aneinander geschlagen, wettgerollt und schließlich gegessen wurden, als auch mit viel Volksglauben und –bräuchen. Endlich fing so langsam der Frühling an und so verbesserten sich meine Möglichkeiten rasant: alles wurde grün, endlich waren wieder Ausflüge und Spaziergänge möglich, endlich war wieder so richtig was los! Und als dann auch im Mai das Schuljahr in großen Schritten zu Ende ging, wurde ich auf viele Geburtstage und Partys von meinen Klassenkameraden eingeladen, hing nach der Schule noch mit ein paar Mädels rum und fühlte mich so richtig wohl und freundlich aufgenommen.

 

Die Krönung meines Austauschjahrs war der Juni, der in Lettland komplett in den Sommerferien liegt. Das Leben blühte total auf: In Kandava war Stadt- und Polizeifest, zwei absolute Höhepunkte. Das wichtigste lettische Fest, das Ligo/ Jani- Fest an Mittsommer entpuppte sich als Fest mit lauter alten Traditionen: Die Mädchen tragen selbstgeflochtene Blumenkränze, man fährt aufs Land und schmückt sein Haus mit Eichenlaub, man grillt Schaschlik und trinkt Bier, man isst sehr viel, hat ein Lagerfeuer, über das man springen muss, hört Volksmusik oder singt selber. Alle freuen sich über den längsten Tag im Jahr. Man tanzt bis es wieder hell wird (4Uhr morgens). Aber auch abseits der vielen Feiern wurde es im Juni nie langweilig: Ich habe mit meinen Freunden so viel Zeit verbringen können und  in diesem Monat schloss ich ein paar Leute noch so richtig in mein Herz.

 

In diesem Jahr schloss ich ganz Lettland in mein Herz; die Wälder, Flüsse und Seen, den Strand und das Meer, die Schlaglöcher auf den Straßen, die Schotterpisten und alten Ladas, die kleinen Läden mit mürrischen Verkäuferinnen, die aber rund um die Uhr geöffnet haben, aufgetakelte solariumgebräunte Mädchen, die lettische Sprache und Kultur mit so vielen alten Bräuchen und Traditionen und natürlich meine Freunde und Familie. Dort, an der Küste der Ostsee, ist meine zweite Heimat und ich warte schon ungeduldig auf den Tag, wenn ich das alles endlich wiedersehen kann.

Charlotte in einer traditionellen lettischen Tracht

Weihnachten in Lettland

Charlotte mit ihrer Gastfamilie