icon_meereskunde icon_outdoor-education icon_landwirtschaft_neu

Intensives Leben

Erfahrungsbericht von Nevien, Austauschjahr in Indien

Als mir diese wahnsinnige Idee kam, war das Ganze erst mal ein weit, weit entfernter Traum. Freunde und Bekannte haben mein Vorhaben als naiv und eine meiner leeren Ideen abgetan. Aber mit viel Engagement, der Unterstützung meiner Familie, meiner unzerstörbaren Motivation, dem Glauben, dass ich alles erreichen kann und vielleicht ein bisschen Glück, füllte sich der Traum mit mehr und mehr Leben und wurde schließlich Realität.

 

Dieses Jahr in Indien lässt sich mit keinem anderen Erlebnis vergleichen! Man lebt und erlebt so intensiv. In einem Land wie Indien gibt es so unglaublich viel zu lernen; über sich selbst, eigene Angewohnheiten aber auch fremde Lebensweisen. Und das alles auf so unglaublich intensive und einzigartige Art. Atithi devo bhava’ der Gast ist der Gott. In Indien wurde ich als vollkommen Fremde mit so viel Wärme und Liebe empfangen. Inder schließen dich in ihr Herz und zeigen dir bei jeder Möglichkeit, dass sie dich lieben! Ob man nun in der Schule von jedem Schüler angesprochen wird und kleine süße indische Mädchen dir mit großen Augen sagen: „Didi [heißt große Schwester und ist als Respektform für Ältere gedacht] you look like a doll. Do you want to be my friend?“, oder ob dich eine weit entfernte Verwandte in den Arm nimmt und dich küsst, nur weil ihr gesagt wurde, dass du eine Tochter der Familie bist. Wie und warum ist egal. Ganz, ganz viele Begebenheiten sind mir im Gedächtnis geblieben, machen mich bis heute glücklich oder traurig, schockieren mich oder lassen mich auflachen, aber immer wenn ich an Indien zurückdenke, dann mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

 

Der erste Schultag

Meinen ersten Schultag werde ich nie vergessen. Mein Gastopa (Dadu) hat mich morgens früh zum Schulbus gebracht. Da ich noch keine Schuluniform hatte, bin ich in einem bunten Shirt, einer Leggins und roten Ballerinas natürlich ziemlich aufgefallen. Zu allem Überfluss bin ich ja auch noch weiß! Auf der Busfahrt durch enge Straßen voll mit Autos, Menschen, Rickshaws (kleine Wagen, die entweder mit Fahrrädern, zu Fuß oder auch motorisiert als Taxi aus Indien nicht wegzudenken sind), Motorrädern, Hunden, Kühen oder Motorrollern wurde ich von meinen Schulkameradinnen fröhlich beäugt. Es wurde lautstark über mich geredet bis sich einige mutige zu mir hingetraut haben, mich begrüßt und mit mir geredet haben. Die Traube aus kleinen Mädchen in Schuluniform um das weiße Mädchen wurde im Laufe der Fahrt immer größer!

 

Als wir dann endlich in der Schule ankamen, hatten sich schon alle Schüler auf dem Innenhof zur allmorgendlichen Versammlung zusammengefunden. Also habe ich mich einfach eingereiht und versucht alles nachzuahmen. Von allen Seiten wurde ich angestarrt bis die Nationalhymne die Versammlung beendete und ich einfach mit wegmarschierte. Doch dann plötzlich stand ich ganz alleine auf dem Flur bis ich endlich den Haupteingang gefunden hatte und von da zu meiner Klasse geführt wurde. In meiner Klasse wurde ich schon von 13 begeisterten Klassenkameradinnen empfangen, die später zu meinen besten Freundinnen wurden.

 

Reich mir doch mal meine Schuhe

Einmal, als ich mit meiner Gastoma in ihrem Zimmer saß, bat sie mich, ihr ihre Schuhe zu reichen. Also habe ich mich gebückt um ihre Schuhe aufzuheben. Für mich erschien es vollkommen normal dafür meine Hände zu benutzen. Als ich die Schuhe dann Dadi geben wollte, war sie plötzlich unglaublich wütend. Das konnte ich gar nicht nachvollziehen. Sie meckerte mich an, dass ich ihre Enkeltochter und ein Mädchen sei und Mädchen keine Füße anfassen würden. Ich war erst mal vollkommen verwirrt, weil ich das alles gar nicht verstehen konnte. Außerdem hatte immerhin sie mich ja darum gebeten, ihr die Schuhe zu geben. Anschließend habe ich mit meiner Gastmutter darüber gesprochen, die mir erklärte, dass Füße, der Boden und Schuhe in Indien als dreckig und unrein gelten. Mädchen, die als Göttinnen gesehen werden, sollten den Boden, Füße oder Schuhe möglichst nicht mit der Hand berühren. Allerdings gebe es in Indien den Brauch, dass Jungen die Füße von Älteren zur Begrüßung anfassen, als Respektserbringung. Frauen machten das nur bei der Familie ihres Ehemanns, denn nach der Hochzeit sei die Frau ja kein Mädchen mehr und somit keine Göttin. Natürlich war mein kleiner Ausflug ins Fettnäpfchen im Endeffekt kein Problem und Dadi und ich haben bald darüber gelacht.

 

Das sind nur zwei kleine Erinnerungen, die mich immer wieder zum Lachen bringen. Es gibt jedoch tausende, die ich aus Indien mitgenommen habe, die mich mein Leben lang begleiten werden und die ich niemals missen möchte. Indien war eine unglaubliche Erfahrung, die ich jedem nur weiterempfehlen kann!

 

Nevien mit Freundinnen

Nevien in Schuluniform