
„Students of Four Decades”: Zwei Studien und viele Erkenntnisse
Was bewegt einen jungen Menschen dazu, ein Jahr im Ausland zu verbringen? Wann ist ein Austauschjahr erfolgreich? Wie muss ein Austauschjahr verlaufen, damit Schüler es als Erfolg erleben? Und wie wirkt sich das Austauschjahr auf den späteren Lebensweg der Programmteilnehmer aus?
Diese und andere Fragen haben David Bachner und Ulrich Zeutschel in zwei aufeinander aufbauenden Studien untersucht. Bereits im Jahre 1989 wurden mit finanzieller Unterstützung des German Marshall Fund of the United States über 600 ehemalige Teilnehmer und Teilnehmerinnen an YFU Austauschprogrammen der 50er bis 80er Jahre in Deutschland und in den U.S.A. schriftlich zu ihren Austauscherfahrungen und deren Auswirkungen auf ihren weiteren Lebensweg befragt.
Im Jahr 2002 führten die beiden Autoren auf eigene Initiative und mit finanzieller Unterstützung des Deutschen YFU Komitees sowie des Hartwick College, Oneonta, New York, eine kleinere Folgestudie mit 15 Personen der ursprünglichen Befragung durch. Dabei wurden in Gruppen- und Einzelinterviews lebensgeschichtliche Erfahrungen und persönliche Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Austauschteilnahme und ihren Wirkungen zusammengetragen und analysiert.
Ergebnisse
Hier einige der wichtigsten Ergebnisse der ursprünglichen Befragungsstudie:
- Über 90% der Befragten beurteilten ihr Austauschjahr als erfolgreich und gaben an, im Austausch Fähigkeiten erworben zu haben, die ihnen später nützlich waren.
- Insgesamt 85% gaben an, dass der Austausch bei ihnen ein Umdenken verursacht habe, Menschen eher als Individuen zu begreifen, und sie nun weniger anfällig für Vorurteile seien bzw. Kategorisierungen von Menschen immer hinterfragen würden.
- Die am häufigsten genannten Motivationen für ein Austauschjahr waren die Absicht, eine neue Sprache zu lernen, Lust auf Abenteuer sowie der Wunsch, unabhängiger zu werden. Einige Befragte gaben an, dass sie mit ihrer Teilnahme z.B. familiären Konflikten, Liebeskummer oder anderen Problemen entfliehen wollten. Personen mit einer solchen „Flucht-Motivation“ bewerteten ihre Austauschteilnahme rückschauend häufiger als andere Befragte als negativ.
- Schwierigkeiten während des Austauschjahres hatten die Schülerinnen und Schüler meistens in den Bereichen, in denen sie bereits vorab Probleme befürchtet hatten. Wer also schon vor der Abreise Sorge hatte, unter Heimweh zu leiden, die Landessprache nur schwer zu meistern oder keine Freunde zu finden, berichtete dann besonders häufig, in den betreffenden Bereichen tatsächlich Schwierigkeiten erlebt zu haben.
- Solche Problemerfahrungen führten jedoch nicht zu einer Abwertung des Austauschjahres, sondern im Gegenteil korrelierte das Erleben bestimmter Schwierigkeiten mit der positiven Bewertung der Austauschteilnahme: In der deutschen Befragungsstichprobe waren dies Heimweh, Einsamkeit bzw. Mangel an Freundschaften, kulturell bedingte Missverständnisse sowie eigene Vorurteile gegenüber U.S.-Amerikanern. Aussagen in den Interviews deuten darauf hin, dass die Bewältigung und Überwindung solcher Schwierigkeiten als starkes Erfolgserlebnis und damit als Gewinn für die persönliche Entwicklung empfunden wurde.
- Ein wichtiger Aspekt in der Bewertung des Austauschjahres war der Kontakt zu Bewohnern des Gastgeberlandes, vor allem zur Gastgeberfamilie. Je mehr Kontakt stattfand und je intensiver und positiver dieser erlebt wurde, desto positiver war die rückschauende Einschätzung des Austauscherlebnisses.
- Ein weiterer Faktor, der zu nachhaltigen Wirkungen einer Auslandserfahrung beiträgt, ist die Länge des Aufenthaltes. Die U.S.-amerikanische Befragungsstichprobe umfasste neben ehemaligen Jahresschülern auch Teilnehmer am zweimonatigen Sommerprogramm und an vierwöchigen Chor-Reisen.
- Die Jahresprogrammteilnehmer erzielten bezüglich einer aus mehreren Items kombinierten Zufriedenheits- und Erfolgskennzahl signifikant höhere Werte als die Teilnehmer an den beiden kürzeren Programmformaten; Sommerprogrammteilnehmer/innen wiederum bewerteten ihre Erfahrung positiver als Teilnehmer an den Chor-Reisen.
- In den Interviews berichteten viele ehemalige Austauschteilnehmer, dass sie erst nach dem ersten Halbjahr richtig „angekommen“ seien: Die Anfangszeit ist geprägt von vielen aufregenden Neuerungen, man muss sicher werden in der neuen Sprache, den Kulturschock überwinden und neue Freunde gewinnen. Erst nach etwa einem halben Jahr fühlen sich die Austauschschülerinnen und -schüler als echter Teil der Umgebung und erleben den Alltag so, wie er sich für ihre einheimischen Altersgenossen darstellt.
Schlussfolgerungen
Aus den Ergebnissen der Studie lassen sich eine Reihe von Erkenntnissen zur Gestaltung von Austauschprogrammen ableiten, um deren positive Wirkungspotenziale zu sichern:
- Da die Teilnahmemotivation eine entscheidende Determinante für den Erfolg darstellt, sind sorgfältige Auswahlverfahren wichtig, um anhand der Motivstruktur zu beurteilen, ob ein Bewerber oder eine Bewerberin den Herausforderungen eines Austauschjahres gewachsen ist.
- Es ist wichtig, die Schülerinnen und Schüler intensiv auf die Erfahrung vorzubereiten und ihnen Wege aufzuzeigen, wie sie mit schwierigen Situationen umgehen können, um ihnen so die Angst vor befürchteten Problemen zu nehmen.
- Die Vorbereitungsseminare, aber auch die Betreuung vor Ort während des Auslandsaufenthaltes, spielen eine wesentliche Rolle bei der Reflexion der Lernerfahrungen und bei der Bewältigung von Eingliederungsproblemen.
- Der Kontakt zu Bewohnern des Gastgeberlandes ist ebenfalls maßgeblich für den Erfolg eines Auslandsaufenthalts verantwortlich, deshalb sind Austauschprogramme mit Familienunterbringung von Vorteil. Durch ihre Gastgeberfamilien erleben die Austauschschülerinnen und -schüler den Alltag des Gastgeberlandes aus der Binnenperspektive und erhalten leichter Anschluss an andere Personen und Gruppen vor Ort.
- Längere Programme ermöglichen nachhaltigere Wirkungen als kürzere, insofern bietet ein einjähriger Aufenthalt gegenüber einem Sommer- oder Semesterprogramm Vorteile. Erst durch die aktive Teilhabe am Alltag der neuen Umgebung kann es gelingen, die ehemals fremde Kultur wirklich zu „erleben“ und von innen heraus zu verstehen – und dies trägt entscheidend zum Erfolg des Austauschjahres bei.
Die detaillierten Ergebnisse beider Studien sind im Januar 2009 in dem Buch „Students of Four Decades: Participants’ Reflections on the Meaning and Impact of an International Homestay Experience“ veröffentlicht worden – erschienen im Waxmann Verlag (www.waxmann.com).
Der Kölner Professor Matthias Otten hat eine Rezension zum Buch veröffentlicht. Mehr...
Über die Autoren
David Bachner ist Vorsitzender des International Advisory Council von YFU und Vorstandsmitglied von YFU USA sowie Scholar-in-Residence an der School of International Service der American University in Washington, DC.
Ulrich Zeutschel war mit YFU 1970/71 in den USA und arbeitet heute beruflich als Organisationsberater der osb Hamburg. Ehrenamtlich engagiert er sich im Vorstand von AFS Deutschland.
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