
Endlich Gasteltern!
Ruth Diemer-Schäfer, Gastmutter von Kirilla aus Bulgarien, Triin aus Estland und Iiro aus Finnland
Wie wird man Gasteltern? Auslöser waren bei uns die Auslandsaufenthalte unserer Kinder: Unsere Tochter Silke war in Norwegen und unser Sohn Kai in Finnland.
Für uns war es selbstverständlich, dann auch Gastkinder aufzunehmen, waren wir doch glücklich gewesen, dass unsere Kinder so nette und liebevolle Gastfamilien gefunden hatten.
Mein Mann und ich wollten immer vier Kinder, leider waren aus medizinischen Gründen nur zwei zu vertreten. Aber kein Problem – es gibt ja YFU.
Kirilla aus Bulgarien
15 Jahre nach der Geburt unseres Sohnes bekamen wir endlich 1999 unser drittes Kind: Kirilla aus Bulgarien. Ich vergesse nie ihr erstes Wort, als wir sie am Bahnhof abholten: „Endlich!!!“
Endlich war sie angekommen und endlich hatte sie, die ohne Geschwister und Vater aufgewachsen war, eine richtige Familie; vor allem einen „Papa“. Bereits nach vier Wochen hatte sie entschieden: „Ich möchte euch Papa und Mama nennen.“ Wie freuten wir uns darüber.
Es wurde ein wunderschönes Jahr mit einer offenen und temperamentvollen, hübschen Tochter, in dem beide Seiten viel voneinander und über sich selbst lernten.
Kirilla musste – neben der Verarbeitung des Kulturschocks (sie war zuvor noch nie im Ausland) – lernen, nicht der Mittelpunkt der Familie zu sein, was sie zu Hause bei Mutter und Großeltern war. Und wir entdeckten, welche Zielsetzungen und Hoffnungen ein osteuropäisches Mädchen mit seinem Austauschjahr verbindet.
Kirilla sprach bereits fließend deutsch, als sie ankam. So erzählten und diskutierten wir von Anfang an viel über unsere Länder, ihre Entwicklung, politische Systeme und Probleme. Durch diese Gespräche und im täglichen Leben gab es für alle Beteiligten vie zu lernen.
Wir waren ja Neulinge als Gasteltern und hatten auch oft unser Verhalten und unsere Meinungen zu überdenken. Ein Prozess, der oft schwierig, aber fast immer für die eigene Entwicklung sehr wertvoll ist. Natürlich gab es auch Missverständnisse und Ärger, eben wie in jeder anderen Familie auch.
Am Tag ihrer Abreise flossen viele Tränen. Doch die Trennung war nicht sehr lange. Seit 2002 studiert Kirilla in Deutschland Medizin und besucht uns zwei bis drei Mal im Jahr, vor allem an Weihnachten.
Triin aus Estland
2001/2002 kam dann Triin aus Estland zu uns. Auch ihre Ankunft war von dem Wort „endlich“ geprägt. Nachdem Triin in Hannover in den falschen Zug gestiegen war, irrte sie per Bahn durch Niedersachsen und weder YFU noch wir wussten, wo sie steckte, da sie weder unsere Telefonnummer noch die Notrufnummer von YFU in der Aufregung fand. Nach fünf Stunden kam sie endlich an und allen fiel ein Stein vom Herzen.
Und nun kam für uns das Kontrastprogramm: ein ruhiges Mädchen, das sich viel in sein Zimmer zurückzog und unseren Bücherhaushalt nutzte, um ganz viel zu lesen. Dies trug entscheidend dazu bei, dass sie, die zuvor kein Deutsch konnte, diese Sprache sehr gut erlernte, obwohl sie nicht so kommunikativ war.
Für unsere Familie war es eine Herausforderung, sie etwas aus der Reserve zu locken. Allerdings gefiel ihr gar nicht, dass sie, die zu Hause die Älteste von drei Kindern war, nun in unserer Familie zum Nesthäkchen wurde.
Iiro aus Finnland
Und weitere zwei Jahre später – 2003/2004 – kam unser „zweiter Sohn“: Iiro aus Finnland. Eigentlich hat er schon seit drei Jahren ein bisschen zu unserer Familie gehört, schließlich war er der Gastbruder unseres Sohnes in Finnland gewesen. So kam er mit einer sogenannten Direktplatzierung zu uns. Endlich waren die beiden Brüder wieder vereint.
Iiros Eltern hatte lange versucht, ihn von einem Austauschjahr in Deutschland zu überzeugen. Er wollte aber lieber in die USA, da er fließend Englisch spricht und kein Deutsch lernen wollte. Unser Sohn Kai wurde von seiner Gastmutter gebeten, doch Überzeugungsarbeit zu leisten.
Da er seinen Gastbruder gut kannte, schaffte er es ganz schnell mit dem Satz: „Komm nach Deutschland, da gibt es gutes Bier und hübsche Mädchen“. Iiro ließ sich überzeugen und war auch nach seinem Austauschjahr der Meinung, dass Kai nicht gelogen hatte.
Auch er hat – allerdings nach einer langen Anlaufzeit – sehr schön Deutsch gelernt und sich im Nachhinein fürchterlich geärgert, dass er so spät begonnen hatte, Deutsch zu sprechen. Er brachte eine umwerfende Fröhlichkeit in unsere Familie und so freuen wir uns jedes Mal, wenn er wieder strahlend vor der Türe steht.
Dies kommt häufig vor, da seine Mutter bei Fin-Air arbeitet und er deshalb sehr günstig fliegen kann. Wir sehen ihn dann allerdings sehr wenig während seines Besuchs – schließlich muss er alle seine Freunde besuchen, und dies sind sehr, sehr viele.
Nicht alles ist Zuckerschlecken
Natürlich ist nicht alles ein Zuckerschlecken. Kindererziehung macht nicht nur Freude, sie ist auch anstrengend, und dies gilt natürlich auch für Gastkinder. Wir haben dabei sehr viel über uns und unsere Familie gelernt.
Wenn man offen für neue Sichtweisen ist, die eigenen Vorstellungen und Meinungen nicht als das allein Seligmachende betrachtet und bereit ist, zu akzeptieren, dass diese Kinder eine andere Sozialisation hinter sich haben, kann die Aufnahme eines Gastkindes zu einer enormen Bereicherung werden.
Eine YFU-Hochzeit steht an!
Im September wird bei uns nun eine „YFU-Hochzeit“ stattfinden: Unsere Tochter Silke (Norwegen 1998/1999) heiratet Bernhard (USA 1997/1998). Trauzeugin wird unsere bulgarische Gasttochter Kirilla (1999/2000) sein. Als Gäste werden Bernhards Gastfamilie aus den USA und Silkes Gastfamilie aus Norwegen sowie Iiro aus Finnland (2003/2004) erwartet.
Endlich ist die internationale Großfamilie dann einmal zusammen. Wir freuen uns schon, denn: YFU verbindet!
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